Worum geht es beim Reggaeton Revival?

Wie konnte der ursprünglich puerto-ricanische Reggaeton, zu einem derart umsatzstarken Zugpferd für die Musikindustrie und zum Megatrend werden?

Wie schafft es eine Musikrichtung, von der lokalen Spielweise zu einem globalen Stadion-Phänomen zu werden? Wie konnte der ursprünglich puerto-ricanische Reggaeton, eine Mischung aus Hip Hop, lateinamerikanischer Musik und karibisch geprägtem Dancehall, zu einem derart umsatzstarken Zugpferd für die Musikindustrie und zum Megatrend werden?

In diesem Jahr kam man an diesem Lied einfach nicht vorbei: „Despacito“ hat die Dancefloors dieser Welt im Sturm genommen[/a] und ist im Internet einer der meist aufgerufenen Songs aller Zeiten. Sein Rechteinhaber, die Universal Music Group, gibt an, dass der Song über alle Plattformen hinweg insgesamt 4,6 Milliarden mal aufgerufen wurde, was ihn damit zum erfolgreichsten Latin-Music-Song aller Zeiten macht.

Der Song, basierend auf einem “Riddim”, jenem typischen Reggeaton-Rhythmus, ist gewissermaßen ein kraftvolles Statement. „Despacito“ (was im Spanischen „langsam“ bedeutet), markiert den Durchbruch lateinamerikanischer Musik an sich. Denn das letzte Mal, dass ein spanischsprachiger Song die Top Ten anführte, ist schon über 20 Jahre her, als “Macarena” die Gruppe Los Del Rio vorübergehend zu Superstars machte. Man kann das auch nicht als Zufallstreffer werten, sondern als Beweis für die zunehmend wichtige Rolle anderer Sprachen in der Popmusik. Auch Justin Bieber, der dem Song eine englischsprachige Version[/a] spendierte, konnte wie die Originalinterpreten, eine beachtliche Aufmerksamkeit einfahren. Obwohl lateinamerikanische Künstler noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen haben, wäre der Song auch ohne Bieber, der nun mal ein weißer Sänger bleibt, der sich an die lateinamerikanische Musik anbiedert, ein kulturell durchmischter (und großer) Erfolg geworden. Doch hinter dieser Erfolgsgeschichte stecken zwei Künstler, wieso wird jetzt allenthalben das „Reggaeton Revival“ ausgerufen?

Der Durchbruch des Genres begann mit Daddy Yankees einflussreichem Hit “Gasolina” (2004), der bis heute ein beliebter Einstieg ist und inzwischen als Hymne gilt schaut euch dieses Mashup-Video mit Thom Yorke an! Sein Album Barrie Fino war eines des meistverkauften des Jahrzehnts in der Kategorie „Latin & Tropical“ mit über einer Million verkaufter Einheiten in den USA. Auch Hollywood witterte das Potenzial des Genres und verschaffte Don Omar, einem weiteren Schwergewicht der Szene, Rollen im vierten und fünften Teil der Fast & Furious-Filmreihe. Seitdem haben etliche Nachfolger Reggaeton als verkaufsträchtiges Pop-Argument für zahlreiche Gutverdiener in der Musikbranche etabliert.

The Triple Js, J Alvarez, Justin Quiles und J Balvin, deren Hits sich in den Charts um die vorderen Plätze balgen, machen keinen traditionellen Reggaeton. Beeinflusst durch Trap und romantischen Melodramen, singen sie lieber von positiver Attitüde und tropischen Stränden als von Drogen und Ghetto-Alltag. J Balvins “6AM” (featuring Farruko) gilt als der wahrscheinlichste Konkurrent von „Despacito“, immerhin führte der Song 16 Wochen lang die Charts an. Man kann jetzt nicht sagen, dass die forschen Dembow-Riddims die cosa dieser Jungs sind, genau wie bei Ozuna (der gerade ein neues Stück mit Rapperin Cardi B angekündigt hat), und seinem Song “Se preparó”. Sie sind weit entfernt vom alten und negativ behafteten Bild, das der Reggaeton in der Vergangenheit gezeichnet hatte. Farruko, der in seinem Song “Passion Whine” gar ein Feature von Sean Paul verbuchen kann, beschreibt seinen Stil als „frischer“ und „romantischer“.

Trotz des großen Erfolgs und der Entdeckung des Reggaeton als Verkaufsgaranten, kann die allgemeine Begeisterung ein gewisses Authentizitätsproblem dieser Musik nicht verhehlen. In diesem Kontext, wo Exotik und positive Attitüde eine Erfolgsformel sind, sind die Fragen von Rasse und kultureller Aneignung die inhärenten Knackpunkte.

Ist Reggaeton politisch?

Im Kontext des aufgeheizten politischen Klimas in den USA betrachtet, existiert Reggaeton in verschiedenen Ausprägungen. Befragt zum großen Erfolg von „Despacito“, gaben Daddy Yankee und Luis Fonsi ein großes „get together“ als Leitmotiv ihres Songs an, laut Fonsi eine „Absage an all die politische Manipulation“. Im Sommer 2016 veröffentlichte das Latin-zentrierte Medium Remerzcla den Artikel „neo-Perreo: 15 Artists Writing Reggaeton’s Weird and Wonderful New Chapter” und stellte darin eine Auswahl von Künstlern vor, die „auf wilde und unerwartete Art mit den Reggaeton-Rhythmen flirten“. Obwohl „Despacito“ angeblich die spannendste Episode des Genres darstellen soll, möchten andere Künstler und Kollektive darin soziale Fragen stärker abbilden.

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Im Kontext des aufgeheizten politischen Klimas in den USA betrachtet, existiert Reggaeton in verschiedenen Ausprägungen. Befragt zum großen Erfolg von „Despacito“, gaben Daddy Yankee und Luis Fonsi ein großes „get together“ als Leitmotiv ihres Songs an, laut Fonsi eine „Absage an all die politische Manipulation“. Im Sommer 2016 veröffentlichte das Latin-zentrierte Medium Remerzcla den Artikel “neo-Perreo: 15 Artists Writing Reggaeton’s Weird and Wonderful New Chapter” und stellte darin eine Auswahl von Künstlern vor, die „auf wilde und unerwartete Art mit den Reggaeton-Rhythmen flirten“. Obwohl „Despacito“ angeblich die spannendste Episode des Genres darstellen soll, möchten andere Künstler und Kollektive darin soziale Fragen stärker abbilden.

Es gibt Produzenten wie das mexikanische Kollektiv N.A.A.F.I. oder kleinere Instagram-Stars, die Dembow Riddims mit futuristischen Sounds verbinden und damit junge Modedesigner genau so wie Booker von Clubs in Berlin, London oder Südamerika anziehen. Aus Barcelona stammend, hat das junge Phänemen Bad Gyal eine Menge medialer Aufmerksamkeit bekommen für die Unbekümmertheit, mit der sie traditionell schwarze und Latino-Rhythmen mit ihrer Muttersprache Katalan kombiniert.

In Chile beansprucht die ehemalige Tattoo-Künstlerin Tomasa Del Real für sich, die „Rollenverteilung des Reggaeton umzukehren“. Ihre feministischen Ideale machten das maerikanische Onlinemagazin The Fader auf sie aufmerksam, die anhand ihr ein neues und scheinbar widersprüchliches Genre beleuchteten: neo-Perreo. In der Tradition von Ivy Queens Position in einer männerdominierten Szene, sind Acts wie sie gerade dabei, das überkommene Bild von Reggaeton in unserer Wahrnehmung radikal zu ändern: vom Abwerten der Frauen zu deren Empowerment. Wie Bad Gyal im Bezug auf Dancehall, das auf gemeinsame Wurzeln mit dem Reggaeton verweisen kann, richtig anmerkt: „Es geht um Frauen, es ist alles für Frauen gemacht!“

Nicky Jam, der Phoenix des Reggaeton

Zwanzig Jahre sind seit dem ersten Auftauchen des Reggaeton in Puerto Rico vergangen, erst in jüngster Zeit wurde er auch in den USA und Europa populär. Trotz seiner schwierigen Wurzeln, die auch Sexismus und Homophobie beinhalten, und des Fakts, dass hier längst das große Geld im Spiel ist, wird Reggaeton – wie viele Subkulturen – als regelrechter Fetisch behandelt. Dennoch ist es zum kommerziellen Trend herangewachsen, der dazu dient, die Massen zu bespaßen und die Industrie-Mogule anlockt. Kann das noch eine authentische künstlerische Ausdrucksform sein?

Nicky Jam, Daddy Yankees langjähriger Kooperationspartner und seit 1992 als Pionier des Genres unterwegs, hat der Boom erlaubt, seine zehn Jahre währende Abwärtsspirale aus Alkohol und Drogenmissbrauch zu durchbrechen. Sein letztes Album Fénix, veröffentlicht im Januar des Jahres, hat ihn auf die Stadionbühnen auf der ganzen Welt geführt und wird als Symbol des gemäßigten Tonfalls des Reggaeton in Erinnerung bleiben. Ist Reggaeton also tot?

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