NICHT DER AFROBEAT DEINES VATERS – Teil 1

Die größte musikalische Revolution findet derzeit auf dem afrikanischen Kontinent statt und auch in Europa findet dieser Sound einen Nährboden.

Die größte musikalische Revolution findet derzeit auf dem afrikanischen Kontinent statt. In Ländern wie Südafrika, Nigeria, Ghana, Angola oder Mali fusioniert Clubmusik mit traditionellen Stilen. Parallel dazu schließen europäische Hochburgen wie London, Paris oder Lissabon auf und adaptieren die afrikanischen Innovationen mit ihrem ganz eigenen Dreh.

Der kanadische Rapper Drake brach mit seinem Song „One Dance“, den er mit dem nigerianischen Sänger Wizkid aufnahm, alle Rekorde. Weltweit wurde der Song über eine Milliarde mal gestreamt, und hoben Drake, welcher zu dem Zeitpunkt schon Weltstar war, in Platin-Gefilde. Aber der Knackpunkt an „One Dance“ war eben jene Kollaboration mit Wizkid, der in Westafrika einer der größten Popstars überhaupt ist und dessen Videos schon hundertmillionenfach auf YouTube angesehen wurden, bevor „One Dance“ erschien. Drake hat mit diesem Song nicht nur einen Welthit gelandet, sondern auch den Coup, seine Anhängerschaft auf den afrikanischen Kontinent auszuweiten: Millionen neuer Drake-Fans in Afrika sind ganz gewiss nicht zu verachten.

Der Gastauftritt von Wizkid ist ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig die westafrikanische Afrobeats-Bewegung für die Popwelt geworden ist, ebenso wie die Klänge aus Südafrika und Angola – eine energiegeladene Mischung aus Hip Hop, Afropop, House und Dancehall, welche in Städten wie Lagos (Nigeria), Accra (Ghana), Luanda (Angola) und Johannisburg (Südafrika) entsteht. Viele Jahre lang wurde afrikanische Musik in der nördlichen Hemisphäre als „exotische Musik“ vermarktet. Das begann in den siebziger Jahren mit Vertretern wie Fela Kuti oder Manu Dibango und fand unter dem Schlagwort „Weltmusik“ auf Compilations statt, die traditionelle und folkloristische Klänge zu uns brachten. Oder in den 80ern auf Alben wie Paul Simons „Graceland“, wo westliche Künstler afrikanische Gastmusiker zur Zusammenarbeit einluden. Auch der US-amerikanische Superstar Beyoncé hatte sich vor einer Weile schon Richtung Afrika orientiert, um sich von Musik, Tanz und Mode inspirieren zu lassen.

Afropop weltweit

Was aber derzeit um Wizkid, Davido oder Mr.Eazi passiert, folgt einem anderen Muster. Die genannten stehen für eine neue Generation afrikanischer Künstler, die nicht einfach westliche Stile für das junge afrikanische Publikum adaptieren, ihre Sounds und die dazugehörigen Videos sind voll am Puls der internationalen Popkultur. In vielen schwarzafrikanischen Ländern sind einheimische Sänger, Rapper und charismatische Popstars wie Davido, Wizkid, Tekno, Mr. Eazi, Black Coffee, Cabo Snoop, D´Banji oder Iyanya genau so angesagt wie Drake, Pharrell Williams oder Rihanna. Musiktrends aus den Vereinigten Staaten, Jamaika oder Trinidad werden von diesen Künstlern mit einem regionalen Touch adaptiert und dabei gänzlich neu erfunden. Wenn man sich im Internet durch populäre Songs dieser Strömung klickt (viele YouTube-Videos bringen es auf Abrufzahlen, von denen europäische Künstler nur träumen können), merkt man sofort: Wenn dieser neue Pop im wichtigsten Musikmarkt der Welt bestehen kann, den USA, dann funktioniert das auch im Rest der Welt. Songs wie „Dance for Me“ von Eugene und Mr. Eazi oder Patorankings Stück „No Kissing Baby“ sind zwar schon überwiegend auf Englisch gesungen, klingen aber vor allem so, als wären sie direkt für die amerikanischen Charts entworfen worden.*

Auch die Videos dazu scheinen ein globales Publikum im Blick zu haben. Wie in denen von amerikanischen Rappern blitzen hier die Statussymbole auf. Rhythmisch jedoch ist der Sound aus Westafrika, Südafrika oder Angola seinen amerikanischen und europäischen Kollegen deutlich überlegen. Verschiedene lokale Einflüsse finden ihren Weg in die komplexen Rhythmen, die die west- oder südafrikanische Musik vom Rest der Welt abhebt. So versprechen die vertrackten Grooves aus Afrika zwischen R’n’B, Electronic Dance Music und Hip Hop einen Ausweg aus den Beschränkungen der herkömmlichen Musikgenres. Die Afrobeats-Bewegung ist jedoch nicht frei von Kritik. Das fängt schon bei der verwirrenden Bezeichnung an, welchen den neuen Sound in die Nähe von „Afrobeat“ rückt, jenen Jazz- und Afro-Funk-Sound den Fela Kuti in den Siebzigern in Nigeria kreierte. Indes repräsentiert der moderne Afrobeats-Style, gekennzeichnet durch starken Autotune-Einsatz, Elektro- und Hip-Hop-Elemente, den Sound der Millenials, die ihn in sozialen Netzwerken massenhaft teilen und ihn in Heavy Rotation ins Radio bringen. Die Musik von Fela Kuti, dessen bis zu zwanzigminütige Stücke meist ein wichtiges soziales Anliegen transportierten, könnte davon kaum weiter weg sein. Diese zwei Stilrichtungen zu verwechseln, kommt für viele Afrikaner schon der Blasphemie nahe. So oder so bestimmen die heutigen Afrobeats schon seit einigen Jahren die Clubs und Radioprogramme in vielen afrikanischen Ländern, und andere Länder und Märkte warten nur darauf, erobert zu werden.

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Ein junger Kontinent

Demografische Faktoren spielen beim Boom der modernen afrikanischen Popmusik sicher auch eine Rolle. Während in Europa die Popmusik zum großen Teil vom nostalgischen Blick aufs Gestern bestimmt wird, ist man in Afrika – wo der Altersdurchschnitt in sechs von zehn Ländern unter 24 liegt – gerne Teil der digitalen Zukunft. Jetzt, wo die ersten Karrieren einiger afrikanischer Künstler im Status als globaler Pop-Multimillionär gipfeln, sind auch andere mutiger geworden. Immerhin war es nie einfacher, Musik zu veröffentlichen. Ein einziges Smartphone reicht aus, um einen Song aufzunehmen, Melodien und Beats zu produzieren, und das Ergebnis auf YouTube hochzuladen, um es einem weltweiten Publikum vorzustellen. Neben Drake haben auch andere amerikanische Rapper schon längst die Zeichen der Zeit erkannt. Bereits 2011 hat Kanye West die nigerianischen Sänger D’Banj und Don Jazzy auf seinem Label unter Vertrag genommen; und der südafrikanische Rapper AKA veröffentlicht auf dem Label Roc Nation, bekanntlich betrieben von Beyoncés Ehemann Jay Z.

Der Erfolg von Wizkid, Drake und anderen spiegelt sich auch in eindrucksvollen Wachstumsraten der afrikanischen Musikindustrie wieder. In Kenia, Südafrika und Nigeria, ökonomisch die mächtigsten Länder auf dem Kontinent, ebenso wie in zahlreichen anderen afrikanischen Ländern, hat sich in den vergangenen Jahren eine neue, digital vernetzte urbane Mittelschicht etabliert. Diese Zielgruppe steht den Bewohnern der nördlichen Halbkugel in nichts nach, wenn es um Medienkonsum und die Bedeutung von Statussymbolen und Social Networks geht.

Eine 2016 durchgeführte Analyse von PricewaterhouseCoopers zeigt, dass das rapide Wachstum der afrikanischen Musikindustrie auf drei Faktoren zurückgeführt werden kann: Internetzugang, Streaming und Demografie.

Die südafrikanische Musikbranche erwartet im kommenden Zeitraum ein Wachstum von 4,4 %, angetrieben durch Zuwächse in den Erlösen aus dem digitalen Musik-Streaming. In Nigeria wuchs die Musikindustrie 2015 um ganze 12 % gegenüber dem Vorjahr, dort wird 2020 mit einem Umsatzzuwachs auf 86 Millionen Dollar gerechnet. Ähnlich wird in Kenia ein Wachstum der jährlichen Musik-Verkäufe von 19 Millionen (2015) auf 29 Millionen Dollar im Jahr 2020 gerechnet, bedingt durch den starken Mobilfunk-Sektor. In vielen afrikanischen Ländern stellen ungeeignete Verteilungsnetzwerke, schwache Gesetze zum geistigen Eigentum und wild wuchernde Musikpiraterie noch Hürden auf dem Weg zum nachhaltigen Wachstum dar. Dennoch liegt über kurz oder lang die Zukunft der Popmusik in Afrika.

Nächste Woche werden wir uns genauer anschauen, wie die musikalische Revolution aus Afrika sich in Europa widerspiegelt, mit besonderem Fokus auf London, Paris und Lissabon.

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Höre und folge unserer Playlist “NOT YOUR DAD’S AFROBEAT“