Labelportrait: MOTZ – ein erfolgreiches weibliches Techno-Kollektiv

Das Frauenkollektiv MOTZ feiert seinen ersten Geburtstag. Wir haben uns mit der Gründerin Jasmine Azarian getroffen - mit uns hat sie ihren Erfolg geteilt.

Das Frauenkollektiv MOTZ feiert seinen ersten Geburtstag. Durch ihr Plattenlabel, Webzine und ihre Veranstaltungen konnten sie sich als aktive Kraft in der Techno-Szene von Berlin, Dublin und London etablieren. Wir haben Jasmine Azarian, die Gründerin des erfolgreichen Kollektivs, getroffen und sie gebeten, ihre Erfolgsgeschichte mit uns zu teilen:

Die Anfänge von MOTZ

„MOTZ startete letzten November als Online-Technomagazin. Die Idee zum Projekt MOTZ begleitete mich schon Jahre, ich habe sie immer wieder zurückgestellt, bin sie aber nach meinem Abschluss endlich angegangen. 2008 hatte ich Journalismus studiert und Interesse daran, ein Magazin, das aus weiblicher Perspektive über Techno schreibt, zu gründen. Ich wendete mich an diverse Freunde mit verschiedenen Talenten, ob sie nicht Lust hätten, Teil des Projekts zu werden.

Mariel zum Beispiel ist unsere Grafikdesignerin, Niamh kennt sich gut mit der Underground-Szene aus und kann auch super schreiben, und Stefanie ist seit einigen Jahren Teil der Techno-Szene in Berlin und Belfast. Wir sind alle Irinnen, haben uns aber über unterschiedliche Ecken der Welt verteilt, was uns mehr internationale Relevanz verschafft. Zwei von uns leben in Berlin, eine Dublin, eine in London und eine in Peru. Insgesamt besteht das Team aus fünf Leuten.

Ich habe im Oktober damit begonnen, die Website zu gestalten, und im November ging sie dann offiziell live. Wir begannen mit Interviews, Rezensionen, Podcasts und andere relevante News über Techno. Außerdem hatten wir offizielle Track-Premieren, in welchen wir Musik des jeweiligen Künstlers kostenlos angeboten hatten und sie damit promoteten. Daraus erwuchs sich eine Plattform, durch die wir unser Onlinemagazin dann zu einem Label ausbauen konnten. Unser fünftes Mitglied, welche jetzt die stellvertretende Herausgeberin ist, hatte uns über Facebook kontaktiert und ist hat dann bald darauf bei uns mitgemacht.“

Die Philosophie von MOTZ

„Bei Motz glauben wir an die Gleichberechtigung in der Techno-Szene. Obwohl wir ein rein weibliches Kollektiv sind, versuchen wir nicht, Männer auszuschließen. Ich habe auch schon extremen Feminismus erlebt, der die Angehörigen des anderen Geschlechts rundweg ablehnt, und das halte ich für kontraproduktiv. Ja, es gibt Ungleichheit, und es sind immer noch weitaus mehr Männer in der Szene involviert, aber das kann sich ändern. Ausgrenzung wird die Situation in keiner Weise verbessern. Es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen, aber wir können Veränderungen erreichen, indem wir uns gegenseitig unterstützen. Bei Musik soll es darum gehen, Menschen zusammenzubringen und sich als Künstler einander zu unterstützen.

Als Vereinigung von Frauen sind wir bestrebt, Frauen dabei zu unterstützen, in der Szene Fuß zu fassen. Es mag manchmal ganz schön hart sein und vielleicht auch ein wenig einschüchternd wirken, aber ich bin überzeugt: Wenn Frauen andere Frauen als Handelnde erleben, kann sie das inspirieren und motivieren. Wir haben fantastische Künstler bei uns an Bord, Männer wie Frauen. Und es gibt weitere tolle Frauengruppen wie das GASH collective in Dublin, welche DJ- und Produktions-Workshops für Frauen anbieten. Oder MEAT FREE in Manchester, die kürzlich eine Party speziell für Behinderte organisiert haben, was ich besonders rührend fand, da das eine Minderheit ist, die im Kontext der Dance Music-Industrie sonst eigentlich nie groß Beachtung findet. Ich meine, es ist wichtig, mal über den Tellerrand hinauszublicken und darüber nachzudenken, wie wir mehr Respekt voreinander auf dem Dancefloor und in der Branche erreichen können.“

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Wie MOTZ wächst

„In der Frühphase waren wir ein reines Onlinemagazin, aber in den vergangenen zehn Monaten sind wir zum Label herangewachsen. Unser erstes eigenes Event steigt am 17. November im Arena Club in Berlin. Das wird der Startschuss zu einer zweimonatlichen Serie von Veranstaltungen, die wir zwischen Berlin und London organisieren. Durch die Verbindungen, die wir bei Gigs, durch ständiges Networking und direkte Anfragen an die Künstler etablieren konnten, haben wir ein paar der derzeit umtriebigsten Künstler in der Technoszene gewinnen können.

Um so ein Unterfangen erfolgreich betreiben zu können, muss man sein Publikum gut kennen, ein Team haben, das gut zusammenarbeitet und auf derselben Wellenlänge liegt, während man ständig im Blick haben muss, was in der Branche passiert. Zum Glück ging das alles bei uns gut zusammen.

Das Magazin hat uns geholfen, gute Beziehungen zu großartigen Leuten aus der Szene aufzubauen und mit anderen Vereinigungen zusammenzuarbeiten, welche eine ähnliche Vision verfolgen. Soziale Medien sind ebenfalls ein wichtiges Werkzeug dabei, sich eine Gefolg- und Leserschaft aufzubauen. Deswegen ist es auch so wichtig, ein gutes Verständnis davon zu haben, wie sie funktionieren. Sie können auch eine wichtige Rolle dabei spielen, sein Projekt zu optimieren.“

Qualität vor Quantität

„Das Motto ‚Qualität vor Quantität’ war für uns immer ein maßgeblicher Faktor. Wir haben schon Mixes von Künstlern mit großer Anhängerschaft zugesandt bekommen, die wir abgelehnt haben, weil sie nicht zu unserem Sound gepasst haben. Uns wurde auch schon eine Partnerschaft mit einem Musikstreaminganbieter mit einer hohen Nutzerzahl angeboten, aber wir haben sie abgelehnt, weil ein Teil der Musik, die sie gestreamt haben, nicht zu uns gepasst hat. Auch wenn wir dadurch von noch mehr Nutzern profitieren hätten können, wäre das nicht authentisch gewesen und wir hätten unseren Sound verwässert.

Es ist essenziell, zu wissen, was man will, um eine klare Vision zu entwickeln, wo man mit seinem Projekt hin will. Mit deinen Rollen musst du auch mal flexibel sein. Ich habe als Autor für das Magazin angefangen, manage jetzt aber das Label und die Events, und der Rest des Teams übernimmt situativ bedingt verschiedene Rollen, damit alles rund läuft. Beim Magazin versuchen wir, interessante Geschichten zu bringen, die natürlich faktisch korrekt sind.“

Der Umgang mit Rückschlägen

„Du musst auch mit Zurückweisung, Kritik und Rückschläge einstecken können. Als Magazin waren wir mit Kritik an unseren Geschichten und Interviews konfrontiert. Das erfordert ein dickes Fell. Man muss Kritik in produktiver Weise begegnen. Man kann es ja leider eh nicht jedem recht machen, gerade im Zeitalter des Internets mit all diesen selbsternannten Kritikern.

Wenn du Künstler kontaktierst, gibt es die Möglichkeit, dass sie ein Interview oder einen Mix ablehnen. Manche Agenturen wollen aus verschiedenen Gründen nicht, dass die Acts, die sie vertreten, auf Partys spielen. Gerade bei Events gibt es so vieles, was schief gehen kann, dass man sich rechtzeitig auf alles vorbereiten sollte. Der Promo-Plan sollte etwa schon Monate im Vorfeld stehen und das Budget auch definiert sein. Auch am Tag selbst können technische Schwierigkeiten auftreten, teste also all dein Equipment, das du einsetzt, im Vorfeld, sodass bei der Veranstaltung selbst alles wie geplant funktioniert. Und selbst wenn du dich noch so gut organisierst, haut dir das Leben oft genug Querschläger zwischen die Beine. Da heißt es Coolness bewahren und schnell andere Optionen finden, zum Beispiel wenn einer deiner Acts am Tag der Veranstaltung seinen Flug verpasst hat und du überlegen musst, welche Möglichkeiten du jetzt hast. Du musst dich auch auf gelegentliche finanzielle Verluste einstellen. Leidenschaft sollte für dich mehr zählen als Gewinne, ansonsten liebäugelst du möglicherweise mit der falschen Branche für dich.

Mit MOTZ lerne ich ständig Neues hinzu. Wenn man das Ganze mit viel Enthusiasmus, Risikobereitschaft und hohem persönlichen Einsatz angeht, können Projekte wie dieses sehr erfüllend sein. Ich finde es großartig, Teil dieses Kollektivs mit meinen kreativen und talentierten Kolleginnen zu sein. Es gibt Höhen und Tiefen, aber es ist eine sehr erfüllende Erfahrung. Ich bin gespannt zu sehen, was die Zukunft für MOTZ bringen wird. “